„Der Mensch im Suchen“ Predigt am 14./15.03.2020 zum Hungertuch 2019/2020

Misereor Hungertuch

Misereor Hungertuch

Der Mensch im Suchen – Sensibel werden für die Details!

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

„Der Zauber steckt immer im Detail.“ – So soll der große Dichter Theodor Fontane einmal gesagt haben. Da hatte er nicht Unrecht. Wir brauchen uns nur umsehen. Viele kleine Details umgeben uns, die unserem Leben Zauber verleihen. Das können bei einem Spaziergang die Blumen auf einer Frühlingswiese sein. Das erkenne ich, wenn ich einmal ein Deckengemälde in der Kirche genau studiere und mir schöne kleine Ornamente und Verzierungen erstmals auffallen. Das kann auch sein, wenn ich die Schöpfung betrachte. Sie ist im Großen wunderbar gestaltet, aber auch im Kleinen fällt das immer wieder auf. Mit diesen Gedanken kann ich auch auf unser Misereor-Hungertuch schauen. Dann zeigen sich auch hier die verschieden Details, die völlig unaufdringlich sind, die mich aber aufhorchen lassen und die eine tiefe Botschaft in sich tragen.

  • Das Kreuz
    Wenn wir das Gesamtbild betrachten, gibt es da noch so manches zu entdecken. Ganz am linken Bildrand entdecke ich ein ganz kleines Kreuz. Wie zufällig auf die Leinwand gemalt, sieht es aus. Es ist hier nur ein kleiner Bestandteil der großen Schöpfung, doch es sagt ganz viel aus. Zum einen steht das Kreuz für die vielen schwierigen Dinge, die es bei uns gibt. Da sind die vielen ungeklärten Konflikte zwischen Staaten und Menschen, da sind weltweite Auswirkungen von Krankheiten und Seuchen, wie wir es zurzeit mit der Corona-Krise erleben, die uns allen zu schaffen macht. „Wann hat es so etwas schon mal gegeben?“ – fragen wir uns entrüstet und es wird uns allen klar, wie machtlos wir eigentlich sind. Wir hoffen, dass wir verschont bleiben und die Sache an uns vorüber geht. Und gerade da will das Kreuz uns auch Hoffnung machen, dass es so ist. Alles Leid vergeht. So hat es Jesus gesagt und selbst erlebt, Jesus, für den auch dieses Kreuz steht. Er ist daran gestorben. Er erhielt dadurch aber das absolute Leben, das ewige Leben, das auch uns verheißen ist. Rot ist die Farbe des Blutes Jesu und auch des Blutes der Leidenden in der ganzen Welt. Durch den Tod Jesu wird es zur Farbe der Liebe. Gott schenkt Liebe und das selbst heute noch in unserer so zerbrochenen Welt. So ist das Kreuz ein Detail der Hoffnung in diesem Bild und eine Zeichen der Hoffnung für uns.

 

  • Die Schrift
    Noch etwas fällt mir auf, wenn ich auf unserem Hungertuch mit den Augen weiter nach Rechts gehe. Es ist eine geheimnisvolle Schrift. Was ich in ihr erkennen kann ist so etwas wie die Zahl Acht. Der Künstler meint damit ein aufgerichtetes Zeichen für Unendlichkeit. Das könnte heißen: „Gott richtet auf!“ Das Gesamtbild hat mit der Schöpfung zu tun. Zu dieser Schöpfung gehört auch der Mensch. „Aus Lehm, aus dem Erdboden formte er ihn“, so heißt es im Buch Genesis im zweiten Schöpfungsbericht. Gott hat den Menschen aufgerichtet. Er hat ihn beseelt. Er hat ihm Vernunft und Persönlichkeit gegeben. So wurde der Mensch sich selber gewahr. Gott hat ihm die Erde anvertraut, auf dass er für sie sorge und sie bebaue. Gott hat einen Bund mit ihm geschlossen. Er hat sein Volk in die Freiheit geführt. Den Bund hat Gott in Christus erneuert. Durch ihn richtet er die Menschen wieder auf – die Armen, die Kranken, die Leidenden, die Sünder, die Toten. Gott richtet auf – auch mich, hier und heute, immer, wenn ich mich ihm anvertraue. „Komm zu mir, ich richte dich auf!“, so lautet seine Einladung für mich, in unserer zerbrochenen Welt, in aller Angst und allem Elend. So werden die Schrift und besonders das Detail des Unendlichkeitszeichens für mich zu einem Zeichen der Stärkung und des Aufbaus.

 

  • Die Figur
    „Mensch, wo bist du?“ – Der Titel des Hungertuchs und unserer Predigtreihe spricht mich an, wenn nun das dritte Detail ins Spiel kommt. Es ist die Figur. Sie sehen wir ganz rechts. Die Figur, Mann oder Frau, ist „bekleidet in rot-blaues Textil und nicht mehr nackt wie im Paradies. Sie hat Kontakt zur Erde und öffnet die Arme zum Himmel. So überschreitet sie die Grenzen des Bildes. Die geschwungene Edelstahl-Stange mit eingekerbtem Christuszeichen [IX, das auch neben der Figur zu sehen ist,] hat die Form einer offenen Schale: der Mensch nimmt Gottes Wort auf und trägt es weiter. In der Zusage der Liebe Gottes wird sein Schatten hell.“
     Bischöfliches Hilfswerk MISEREOR e.V., M?. Mensch, wo bist du? Arbeitsheft zum Hungertuch von Uwe Appold, Aachen 2019. Ausklapper. – Wir Menschen werden gebraucht, Frauen und Männer. Wir sind herausgerufen aus der Vielfalt der Mitgeschöpfe und dürfen Mitschöpfer sein. So wäre es unser Platz, an einer besseren Welt mitzubauen. Wir dürfen uns ausstrecken nach Gott und uns damit loslösen aus dem krankmachenden Dunst, der viele Teile unserer Welt bedeckt – in Form von Umweltverschmutzung, Klimakrise, Pandemien, weltweite Szenarien von Krieg und Gewalt, damit der Frieden und die Liebe Christi durch uns in die Welt scheinen kann. So wird die Figur zu einem Zeichen der Sendung und des Auftrags.

Liebe Schwestern und Brüder – „Der Mensch im Suchen – Sensibel werden für die Details“, lautet der Titel der heutigen Predigt. Vielleicht müssen wir viel offener werden für Gott, der uns ruft und uns brauchen kann. Er spricht uns jeden Tag an. Wenn auch oftmals mit leisen Tönen und verborgenen Zeichen. Werden wir aufmerksam, vielleicht gerade aufmerksam für die Details. Denn da ist Gott spürbar – frei nach Theodor Fontane: „Der Zauber steckt immer im Detail!“

Amen.

Predigt-Text von Pfarrer Georg Fetsch am 14./15.03.2020 zum Hungertuch 2019/2020

es gilt das gesprochene Wort!

Misereor Hungertuch 2020 – Urheber Uwe Appold